Knochen aufbauen

Springen gegen Osteoporose

Wer sich sportlich betätigt, baut Muskeln auf. Das weiß jeder. Weniger bekannt ist hingegen, dass man sich auch Knochen-Masse antrainieren kann – und das vor allem schon in der Kindheit und Jugend. In einer Gesellschaft, die immer behäbiger und gleichzeitig auch immer älter wird, ist diese Tatsache von größter Bedeutung.
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Der Blick ins Innere des gesunden Knochens (links) zeigt, dass er aus netzförmig angeordneten, feinen Knochen-Bälkchen besteht. Diese Struktur ist sehr stabil. Beim gefürchteten Knochenschwund, der Osteoporose, nehmen Masse und Dichte allmählich ab. Der Knochen wird schließlich brüchig wie Glas (rechts). Fotos: Lilly

Professor Dr. Eckhard Schönau von der Universitäts-Kinderklinik in Köln ist ein Spezialist für die Entwicklung des jugendlichen Skelettsystems. Er betont, dass Muskeln und Knochen eine Einheit bilden. Diese Erkenntnis findet seiner Meinung nach immer noch zu wenig Beachtung. Die Muskeln seien der „Steuermann für die Knochen-Entwicklung“, erklärt Schönau. Statische Kräfte beim Sitzen und auch Gehen beeinflussten die Knochenbildung nicht. Auch Vitamin D und Calcium könnten nur Kraftstoff liefern, doch ohne Bewegung bilde sich kein neuer Knochen.

In einer Studie hat Schönau mit Hilfe der Computer-Tomographie – einem speziellen Röntgenverfahren – die Unterarme von Kindern untersucht. Der Arzt stellte fest, dass stärkere Muskeln dickere Knochenwände zur Folge haben. Bei Kindern baut Muskeltraining in jedem Fall die äußeren Hüllen der Knochen auf. Bewegungsmangel bedroht die Gameboy-Generation also in mehrfacher Hinsicht: Neben Muskel- schwindet auch Knochenmasse. Untersuchungen zeigen, dass Fernsehkonsum oder Bildschirmarbeit von mehr als zwei Stunden pro Tag die Muskelfunktion, gemessen an der Sprungkraft, bereits messbar einschränkt. Wo zu schwache Muskeln sind, kann aber kein fester Knochen entstehen.

In Deutschland betrifft der Knochenschwund, die so genannte Osteoporose, jede dritte Frau nach den Wechseljahren und jeden fünften Mann über 50. Doch die Osteoporose als Schicksal oder gar normale Alterserscheinung zu akzeptieren, wäre falsch, denn man kann Gegenmaßnahmen ergreifen. Die Erkenntnis, dass Knochen auf Sport reagieren, sei relativ alt und schon lange bewiesen, erklärt Dr. Michael Fröhlich, Sportwissenschaftler am Olympiastützpunkt in Saarbrücken. Bereits in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts zeigten Röntgenaufnahmen, dass die Unterarmknochen bei Tennisspielern und die Lendenwirbel-Körper bei Gewichthebern kompakter sind als bei Nichtsportlern.

Gleichzeitig entwickelten Wissenschaftler damals bereits das Konzept des „Mechanostaten“, eines „Fühlers“ im Knochen. Dieser Fühler ermöglicht es dem Knochen, auf äußere Reize und Belastungen zu reagieren. Bis heute gehen die Wissenschaftler davon aus, dass eine solche Mess-Einrichtung im Netz spezieller Knochenzellen, der so genannten Osteozyten, existiert, die dann ihre Informationen an „Bauarbeiter-Zellen“ weitergeben. Belastung bewirkt einen Aufbau des Knochens, Nicht-Benutzung einen Abbau.

Die Weltraumforschung dokumentiert eindrucksvoll, dass Knochen nur dann überleben, wenn sie Herausforderung spüren. In Schwerelosigkeit wirken nur ganz schwache Kräfte auf das Skelett ein. Verbringt ein Astronaut drei Monate im All, verliert er ein Viertel seiner Knochensubstanz.

Allzu leicht lässt sich der Knochen allerdings nicht zum Aufbau bewegen, Spazierengehen interessiert ihn nicht. In einer Studie griechischer und deutscher Sportwissenschaftler, veröffentlicht in der Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin, wurde dies deutlich. Verglichen wurde die Knochendichte von Tennisspielern im Alter von 40 bis 60 Jahren mit derjenigen nicht-aktiver Altersgenossen. Die Sportler schnitten wesentlich besser ab, vor allem im Bereich des Oberschenkelhalses, der beim Tennisspielen stark beansprucht wird.

Eine hohe Stabilität des Oberschenkelhalses bietet guten Schutz, denn besonders an dieser Stelle des Skelettes treten bei Osteoporose häufig folgenschwere Brüche auf. Doch es wurde auch klar, dass den Tennis-Herren nichts geschenkt wurde: Die Autoren der Studie bezeichneten ein Training von durchschnittlich vier bis fünf Stunden pro Woche über zirka 16 Jahre hinweg als „ausreichend“ für die Bildung einer guten Knochendichte. Auch ein Krafttraining an Geräten, mindestens zwei-, besser dreimal pro Woche, setze ausreichende Reize für die Knochenbildung, erklärt Michael Fröhlich. Ohne regelmäßige sportliche Betätigung geht es also nicht. Damit ist der Kern des Problems schon getroffen: „Die meisten verlassen sich lieber auf eine Brausetablette Calcium, anstatt regelmäßig aktiv zu werden“, betont der Saarbrücker Wissenschaftler.

HINTERGRUND
Wer früh anfängt, Sport zu treiben und dauerhaft dabei bleibt, häuft ein Guthaben auf seinem „Knochenkonto“ an. „Je mehr Knochensubstanz man hat, desto mehr kann man im Alter verlieren, ohne Probleme zu bekommen“, erklärt Dr. Klaus Engelke vom Osteoporose-Forschungszentrum der Uni Erlangen. Sein Team hat vor kurzem eine Studie abgeschlossen. 100 Frauen nach den Wechseljahren hatten ein gemischtes Kraft- und Aerobic-Training absolviert. Zweimal wöchentlich nahmen die Frauen, zu Beginn der Studie im Durchschnitt 50 Jahre alt, an einem Gruppentraining teil. Gleichzeitig sollten sie ebenso oft zu Hause trainieren. Nach fünf Jahren Training war die Knochendichte der Frauen an Hüfte und Wirbelsäule stabil. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine kleinere Gruppe, die ein noch intensiveres Training absolviert hat, sogar neue Knochensubstanz aufgebaut hat. Anders sah das in einer Vergleichsgruppe mit Frauen aus, die nicht trainiert hatten: Die Knochendichte hatte wie erwartet abgenommen.